Rezension Flachsinn: Wer Sarkasmus mag…

Das neue Buch von Philosoph und Weltverbesserer Gunter Dueck pflegt über viele Seiten den  gesellschaftsfähigen Sarkasmus und die nichtaufhörenwollende Kritik an der bösen Welt des Internet und vor allem der sozialen Netzwerke  „Störfeuer im Sekundentakt. Im Netz werden wir dauerbeschossen mit Sensationen und schießen infolgedessen immer kräftiger zurück. Nie zuvor war das Erzeugen von Rummel leichter. Ob in Politik, Wirtschaft oder anderen gesellschaftlichen Bereichen: Es wird schneller, lauter und dümmer. Flachsinn regiert!“, so aus dem Klappentext.
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Gunter Dueck war einmal Mathematikprofessor und Chief Technology Officer der IBM Deutschland. Heute warnt er vor der Verrohung und Verdummung der Menschheit durch das Netz der Netze – etwa wie einstmals vor dem Buchdruck und dem Fernsehen gewarnt wurde. Und leider hat er großteils Recht. Gesunder Menschenverstand ist weiter auf dem Rückzug – auch dank des Flachsinns im WWW. Und, Sie sollten wissen, was Algorithmen über Sie denken. Alleine diese Passage um die Seite 95 herum, ist es wert, das Buch zu lesen.

Flachsinn – sind auch Sie und ich betroffen?

Wie schon in seinem Buch „Schwarmdumm“ philosophiert Dueck über die bösen Entwicklungen des WWW und attestiert den Nutzern eine ausgeprägte Dummheit – so jedenfalls meine Interpretation. Dass es viel Dummheit und wenig GMV gibt, erleben wir jeden Tag. Es gibt immer mehr Noobs, Leute, „die absolut nichts dauerhaft lernen (wollen) und immer neu aufgefrischt werden müssen.“ Dueck zählt Manager und Politiker zu den Noobs. Er hat Recht. Leider.
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Für diese Dummheit können viele Leute nicht einmal etwas, denn wir so gestrickt. Menschen fallen auf jeden Mist herein, wenn er psychologisch entsprechend gestrickt wurde. „Ablenkung im Sekundentakt. Ein Hirn-Quickie nach dem anderen“, so Dueck.  „Es ist offenbar das Schrille, Extreme und Exotische, das unsere Aufmerksamkeit besonders erregt“, so der Autor weiter. Stimmt. Und das war schon vor dem WWW so. Jetzt fällt es nur mehr auf, auch weil jeder jeden Mist ins Netz stellt und wir das auch noch anschauen oder gar kommentieren.
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Das kann man so darstellen – und es hat in Teilen auch Amüsantes. Allerdings war ich nach 50 Seiten geneigt, das Buch wegzulegen. So viel Gemaule, so viel immer wieder beschriebene Dummheit – echt frustrierend. Auch wegen der Selbsterkenntnisse. Denn ja, es betrifft auch Sie und mich.

Dueck der Oberlehrer mit dem Intelligenzschwert

Die intelligente Schreibe von Dueck hat für mein Empfinden auch etwas von Arroganz und Besserwisserei eines Intellektuellen, der sich das auch leisten kann. Und gleichzeitig wird es immer notwendiger, dass, bei allem Realitäts-Machbarkeits-Wahn, derlei „Philosophen“, von mir aus auch teilweise zu gewisser Arroganz tendierende, wieder mehr Einfluss gewinnen. Man muss Sie nur verstehen können. Das gelingt Dueck größtenteils. Es ist auch notwendig, denn die wenigsten Web-User (Internet-Nutzer) haben einen Doktor in Mathematik.
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„Internetvordenker Gunter Dueck führt uns in seinem neuen Buch die Geschäfte der Aufmerksamkeitsprofis vor Augen und lotst uns mit spitzer Feder durch die Sudelgebiete des Netzes, in denen jeder „Dreck“ zum Ereignis wird. Aber er zeigt auch den Ausweg: mehr Hirn im Aufmerksamkeitsgerangel, mehr Verantwortung. Auch echter Inhalt kann sexy sein. Was hindert uns, das Echte im Netz zurückzuerobern?“ Nun, daran hindert uns die menschliche Natur – eben das Hirn – und die Tatsache, dass derlei Bücher eher nicht zu den Menschen vordringen, die das dringend bräuchten. GMV

Zwei Drittel Kritik, ein Drittel Lösung

Diätenerhöhung: es gibt was oben draufTempo und Flachsinn, also unreflektiert Oberflächliches und Lautes nach einem immer gleichen Strickmuster, werden über uns armen Internetabhängigen ausgeschüttet. Und das verändert uns, natürlich nicht zum Guten . „Verändert hat uns diese neue Welt dahingehend, dass wir nicht mehr nach Wahrheit suchen, grübeln, forschen, diskutieren und streiten, auch keine Geduld mehr haben, neue Gedanken sacken und reifen zu lassen, sondern stattdessen bloß noch alles uns Vorgesetzte genießend konsumieren.“ Ja, das klingt schrecklich… obwohl…
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„Ich habe Hirn, ich will hier raus“, so der pfiffige Untertitel. Dueck weiß natürlich, dass genau die Natur dieses von ihm angerufenen Organs dafür sorgt, dass Flachsinn so gut funktioniert. Da kann man die Erkenntniswelt schon einmal ein wenig im Sinne der allgemein falsch verstandenen Ansicht „Hirn gleich klug“ missbrauchen. Ein Gehirn hat schließlich jeder. KAum einer will „hier raus“. Alle wollen immer öfter rein, also online.

Doooooch – lesen Sie dieses Buch

Besonders wenn Sie sich viel in den sozialen Medien und im WWW insgesamt herum treiben, lohnt das Buch. Sie wissen wie das Web so tickt und was es mit Ihnen anstellt. Sie sind dann zwar eher frustriert, aber besser frustriert und aufgeklärt als glücklich und dumm. Eine echte Lösung gibt es für Sie nicht. Die Lösungsgedanken Duecks sind so allumfassend – mehr Philosophen, mehr Tiefgang – das passt für den schnöden Alltagsumgang mit Blödsinn im Netz nicht wirklich. Und Sie können sich mit dem Autor Sorgen machen – wirklich große Sorgen.
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„Ich mache mir Angesichts dieser Entwicklung Sorgen“, jammert Dueck auf Seite 119, „dass wir im realen leben kein gemeinsames Verständnis der Welt, keinen Common Sense, keinen gesunden Menschenverstand mehr erreichen, wenn wir uns medial so grässlich polar in den Haaren liegen. Diese Sorge möchte ich nach und nach im Buch vor Ihnen ausbreiten.“ Tja, und wenn es dem gesundem Menschenverstand an den Kragen geht, dann werde ich hier recht aktiv. Ein echter Spaß, das Buch.
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Gunter Dueck: Flachsinn, Ich habe Hirn, ich will hier raus, Campus, 2017
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