Kommunikation – gefühlsecht

Kommunikation und Emotionen
Kommunikation und Emotionen – Bild: Fotolia

Aus Jürgen Zirbik: So ticken wir – Verhaltensgesetze und psychologische Phänomene für Führung, Verkauf und den ganzen Rest, Friendship Verlag, Nürnberg  2012

Mittlerweile wissen wir, wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir sozusagen „Gefühlsdeppen“ sind. Die strenge Trennung von Geist und Gefühl, wie sie noch bis vor einigen Jahrzehnten vorherrschte, ist längst aufgehoben. Es herrscht also nicht die Ratio, sondern die Emotion. Das gilt auch und insbesondere für die Kommunikation. Denn das Äußern von echten Gefühlen beschert uns ein besseres Miteinander. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen den echten und unechten Gefühlen. „Ein Gefühl kann nur das sein, was in mir drin ist. Und nicht, was jemand anderes tut. Oder grotesker noch, was ich jemandem unterstelle, dass er tut.“[i]

Beispiel:

Wenn Sie sagen: „Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich einfach nicht verstehen“, kann der Gesprächspartner antworten: „Ich kann Sie sehr gut verstehen.“ Benennen Sie aber das Gefühl, das dahinter steckt, so kann der Gesprächspartner dem nichts entgegensetzen. „Ich bin enttäuscht“, was soll der Gesprächspartner darauf sagen? „Nein, sie sind nicht enttäuscht.“ Das ist nun einmal Ihr Gefühl und das kann Ihnen niemand nehmen. Der Gesprächspartner kann allenfalls mit dafür sorgen, dass sich das Gefühl ändert. Vielleicht strengt er sich ja etwas mehr an – Ziel erreicht.

Echte Gefühle verlernen wir

Psychologen vertreten die Theorie, dass wir im Alter unsere Gefühlsechtheit immer stärker einbüßen. Das liegt vor allem daran, dass wir ein Leben lang lernen, viele echte Gefühle entweder nicht zu zeigen, nicht zuzugeben oder einfach umzudeuten. Auch der häufig gut gemeinte Ansatz unserer lieben Mitmenschen, uns trösten zu wollen, führt häufig in die falsche Richtung. Das geht schon im Kleinkindalter los, und dafür können wir unseren Müttern und Vätern, Tanten, Onkeln und besonders den Großmüttern dankbar sein.

So ein Satz wie „ist schon nicht so schlimm“ oder „das geht bald wieder vorbei“ stimmt häufig eben nicht, denn für uns ist es schlimm und manchmal dauert es eben länger als uns guttut. Daraus entsteht eine so genannte Dissonanz, also eine Unstimmigkeit, ein Widerspruch zwischen den wahren Gefühlen und dem, was uns dazu eingeredet wird beziehungsweise was wir uns dazu selbst einreden. Auch deshalb fällt es uns mit dem Alter immer schwerer, unsere eigenen echten Gefühle zu erkennen und noch schwerer, sie zu zeigen beziehungsweise zu benennen. Wir können einfach immer schwerer unterscheiden: fühle ich das nun tatsächlich oder rede ich es mir ein? Übrigens: Was fühlen Sie gerade?

Was bedeutet das für Verhalten und Kommunikation?

Gerade im Zusammenhang mit Konflikten und Konfliktkommunikation spielen die eigene Gefühlswelt und das richtige Benennen von Gefühlen eine gewichtige Rolle. Wenn ich nicht einschätzen kann, was der Konflikt gerade für mich wirklich bedeutet, kann ich nicht sicher und authentisch damit umgehen und „schwimme“ herum. Und wer unsicher ist, beginnt oft aggressiv zu werden: „Du bist Schuld an …“. Haben Sie Stress mit Ihrem Partner, kann man nur raten, genau das nicht zu tun, außer Sie wollen ihn oder sie loswerden. Wenn man sich wirklich darüber im Klaren ist, was man will, dann ist aber gut und fair das deutlich über das Gefühl zu benennen. „Ich liebe dich nicht mehr. Ich trenne mich von dir.“ Leichter gesagt als getan, denn oft verwirrt uns in solchen Situationen eine ganze Armada von Gefühlen. Echte und unechte – leider.

Wenn ich nicht weiß, in welcher Gefühlssituation sich mein Gegenüber befindet und er im Gegenzug meine Gefühle nicht kennt, geschieht es häufig, dass man aneinander vorbei spricht. Auch eskalieren solche Gespräche gerne in die falsche Richtung – wir werden lauter, wütender, verletzter oder verletzender. Können Sie Ihre Gefühle aber klar und deutlich benennen, so wächst das Verständnis beim Gesprächspartner für Ihre Situation und umgekehrt. Die sogenannten Ich-Botschaften bauen ebenfalls auf dieser echten Gefühlswelt auf. Durch das Benennen echter Gefühle in der Form der Ich-Botschaft können Sie Konfliktpotenzial aus einer Situation, einer Gesprächssituation herausnehmen. Denn einerseits gehen Sie weg vom vorwurfsvollen „DU“ hin zum erklärenden „ICH“, andererseits sprechen Sie über echte Gefühle und darüber lässt sich nicht streiten. Das ist wie beim „Geschmack“.

Beispiel:

Eine Führungskraft lässt einen Mitarbeiter zu sich kommen, da dieser immer wieder zu spät kommt, und dadurch das Team-Ergebnis gefährdet und einfach Ärger verursacht. Die Möglichkeiten mit dieser Situation umzugehen sind vielfältig.

So nicht:

Führungskraft: Meyer, Sie kommen ständig zu spät. Das gefährdet das Team-Ergebnis und so geht es nicht weiter.

Mitarbeiter: Ich bin jetzt lediglich dreimal zu spät gekommen, und das liegt an den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Führungskraft: Meyer, erzählen Sie hier keinen Mist. Sie kommen offensichtlich nicht frühzeitig aus dem Bett, ich weiß nicht, was sie am Abend so treiben. Die Verkehrsmittel kommen pünktlich, die anderen Mitarbeiter sind ja auch pünktlich da, auch wenn sie mit den Öffentlichen fahren.

Mitarbeiter: Chef, ich bin der einzige der aus „Putzermucken“ kommt, und die anderen haben eben das Glück, dass ihre S-Bahn in letzter Zeit keine Probleme macht, usw.

Eher so:

Führungskraft: Meyer, Sie sind am Montag, Dienstag und am Donnerstag jeweils 15 Minuten, am Donnerstag sogar 30 Minuten zu spät zur Arbeit erschienen. Wir mussten deshalb den Team-Plan ändern, was mir eine Menge Probleme bereitet hat, sowohl mit den Kollegen, als auch mit meinem Vorgesetzten. Darüber bin ich verärgert. (Pause)

Mitarbeiter: Es liegt an den öffentlichen Verkehrsmitteln, die S-Bahn kam dreimal zu spät. Und es tut mir leid.

Das Gespräch wird nun insgesamt anders verlaufen. Die Führungskraft, der Chef, ist also aus der reinen Vorwurfshaltung herausgegangen, hat seine belegbare und beobachtete Wahrnehmung und seinen Ärger geäußert. Der Mitarbeiter kommt aus der Dauerrechtfertigung heraus, und beide werden über eine Lösung sprechen können.

[i] Volker Kitz, Manuel Tausch: Psycho? Logisch!, Heyne, 2011, Kindle-Version

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