Fehlerkultur, Risiko & Steinzeit

Wovor haben Sie mehr Angst? Vor einer Operation oder einem Langstreckenflug über die Ukraine und Syrien? Schalten Sie Ihren gesunden Menschenverstand ein. Wenn Sie sich lieber unters Messer legen wollen, leben Sie um einige 1000 Prozent gefährlicher als wenn Sie den ungewöhnlichen Flug wählen würden. 2014 starben weltweit 970 Menschen bei Flugzeugabstürzen [1] und das bei rund 33 Millionen Flügen. 2013 waren es 251. 2014 ist in der Fliegerei ein negatives Ausnahmejahr – MH17 über der Ukraine und der spurlos verschwundene Malaysia-Airlines-Flug MH370 drücken auf die Bilanz. Fliegen ist sehr sicher, auch wegen der positiven Fehlerkultur in der Branche.

Anders in der Medizin. Dort ist jedes Jahr für viele eine Katastrophe, auch wenn es erst einmal gar nicht danach aussieht. Patientensicherheit ist offenbar Glückssache und nicht wirklich wichtig. Alleine in Deutschland gibt es jährlich rund 19.000 Tote durch medizinische Kunstfehler, so der AOK Krankenhausreport 2014. Das liege an einer negativen Fehlerkultur, so der Psychologe Gerd Gigerenzer in seinem lesenswerten Buch „Risiko“. Ganz anderes in der Fliegerei. Positive Fehlerkultur bedeutet mehr Sicherheit.

Fehlerkultur in der Luftfahrt

In der Luftfahrt praktizieren alle Beteiligten eine positive Fehlerkultur. Fehler werden sofort transparent gemacht. Piloten sind verpflichtet auftretende Probleme und Folgen eigener Entscheidungs- und Handlungsfehler zu berichten. Spezialisten dokumentieren das und leiten Berichte, Empfehlungen und Checklisten daraus ab. So lernen Piloten aus den Fehlern der Kollegen und so ist Fliegen extrem sicher geworden. Auf 4,1 Millionen Flüge kommt ein toter Passagier. [1] In der Medizin-Wirtschaft undenkbar oder können Sie sich vorstellen, dass Ärzte Fehler zugeben, melden und beschreiben?

Zitieren wir den Risikomanager einer internationalen Fluggesellschaft. „Hätten wir die Sicherheitskultur eines Krankenhauses, wir hätten zwei Abstürze pro Tag.“ [2]

Negative Fehlerkultur in der Medizin

Fehlerkultur in der Medizin
Fehlerkultur in der Medizin

Können Sie sich vorstellen, dass Ärzte ihre Fehler berichten müssen? Dass man aus den tausenden Kunstfehlern jedes Jahr lernt und Vorgehensweisen entwickelt, sie abzustellen und so weniger Menschen deswegen sterben müssen? Was in vielen Fällen übrigens recht einfach möglich wäre.

Nein. Nicht bei den Göttern in weiß. In und um Operationssäle passiert Unglaubliches. Fehlende Hygiene-Standards, die Gabe falscher Medikamente, Überdosierungen bei Chemotherapien, die Amputation des falschen Beins. Jeder zehnte Patient erleidet Schaden an seiner Gesundheit, während er in unseren High-Tec und Hig-Kost Krankenhäusern behandelt wird, so ein WHO-Bericht.

So sterben alleine in amerikanischen Krankenhäusern jedes Jahr 28.000 Menschen an Blutbahninfektionen durch Venenkatheder und ihren Folgen [2]. Alleine durch bessere Fehlerkultur wäre der größte Teil dieser Katastrophen verhinderbar. Ein kluger Intensivmediziner entwickelte eine einfache Checkliste für Ärzte auf Intensivstationen. Fünf Punkte sollten genügen, um die Zahl der Infektionen in vielen Krankenhäusern auf bis zu Null (!) zu reduzieren: Hände wachen, Haut des Patienten desinfizieren, sterile Tücher verwenden, sterile Kleidung tragen, Eintrittsstelle Katheder steril abdecken. Das war´s. Ein Lebensrettungsprogramm (dafür sind Ärzte ja eigentlich da) ohne hohen Kostenaufwand, zusätzliches Personal oder aufwändige Technik.[2]

Sind Ärzte nicht lernfähig?

Wenn Sie nun meinen, solche und andere Checklisten in Krankenhäusern zu finden, liegen Sie falsch. Ärzte geben nicht nur nicht gerne Fehler zu, sie lassen sich auch nicht gerne von Untergebenen via Checklisten sagen, was sie zu tun haben. Eine Nicht-Kultur. Wäre ein teures Medikament entwickelt worden, dass die Infektionsgefahr ähnlich wirksam beschränken könnte, würden Krankenhäuser fleißig bestellen. [2] Gesunder Menschenverstand Fehlanzeige.

„Kluge Leute lernen aus den Fehlern der anderen – die Dummen aus ihren eigenen.“ Aus England

Falsche Fehlerkultur des Risikos

Wir neigen allgemein dazu schreckliche Einmalereignisse, sogenannte Schockrisiken, mit mehr als 100 Opfern (nach Studien eine wichtige Zahl) falsch zu bewerten und sehr nachteilige Ängste zu entwickeln. 19.000 Tote in deutschen Krankenhäusern durch Kunstfehler im Jahr (in den USA sollen es bis zu 98.000 sein), oder rund 3.000 Verkehrstote in Deutschland oder 35.000 in den USA, beeinflussen unsere Risiko-Bewertung anders als 256 Tote bei vier Todesflügen. 9/11 starben 256 Passagiere der vier Todesflüge und über 3.000 weitere Opfer bei diesem schrecklichen Einmalereignis. Dazu wurde es auch noch politisch und medial ausgeschlachtet. Gefühlt haben wir den Flug in die Türme seitdem rund eine Million mal sehen müssen.

Kluge Risikoeinschätzung lernen wir nirgends

Das beeinflusst uns ungünstig. Wegen 9/11 entschieden sich viele Amerikaner in den Folgemonaten mit dem Auto zu fahren statt den Flieger zu nehmen. Rund 1600 Menschen, die das Risiko des Fliegens vermeiden wollten, kamen auf den Straßen ums Leben [2]. Vier Mal so viele, wie bei den Todesflügen. Am wesentlich höheren Risiko bei einem Autounfall zu sterben, hatte sich nichts geändert. Das Gehirn vieler Menschen war quasi steinzeitlich konditioniert. Da schlägt die Evolution unerbittlich zu.

„Schockriskiken bringen eine unbewusste Faustregel zur Anwendung: Wenn viele Menschen gleichzeitig sterben, reagiere mit Furcht und vermeide die Situation“ [2]

Die einfache schwere Lösung

Die Zukunft ist immer ungewiss. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand. Um eine brauchbare Risikokompetenz zu entwickeln, genügen einige kluge Maßnahmen. Dazu gehört eine positive Fehlerkultur wie in der Luftfahrt. Es geht nicht ganz ohne Aufwand, aber wenn es die Existenz sichert oder gar das Leben rettet, sollte das drin sein. Das ist gesunder Menschenverstand im besten Sinne.

„Man braucht Mut, um einer ungewissen Zukunft zu begegnen, um sich gegen (sogenannte) Experten zu behaupten und um kritische Fragen zu stellen. […] Es bedarf einer gewaltigen psychologischen Umstellung, um den eigenen Verstand ohne Anleitung durch andere zu nutzen. Eine solche innere Revolution sorgt für mehr Aufklärung und weniger Angst im Leben.“ [3]

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Quellen

[1] http://www.spiegel.de/reise/aktuell/flugzeugunglueck-bilanz-2014-zahl-der-toten-stieg-ums-vierfache-a-1011414.html, Oktober 2015
[2] in: Gerd Gigerenzer: Risiko, btb Verlag 2014
[3] http://www.tagesspiegel.de/wissen/umgang-mit-risiken-passiert-schon-nichts/8002790.html

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